Medizinnobelpreis 1909: Emil Theodor Kocher


Medizinnobelpreis 1909: Emil Theodor Kocher
Medizinnobelpreis 1909: Emil Theodor Kocher
 
Der Schweizer Chirurg erhielt den Nobelpreis für Medizin und Physiologie für seine Beiträge zur Physiologie, Pathologie und Chirurgie der Schilddrüse.
 
 
Emil Theodor Kocher, * Bern 25. 8. 1841, ✝ Bern 27. 7. 1917; ab 1872 ordentlicher Professor für Chirurgie in Bern, Ablehnung von Berufungen nach Prag, Wien und Berlin, erforschte die Schilddrüsenkrankheiten und gilt als Mitbegründer der Bauch- und Neurochirurgie.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Im Jahr 1912 fiel Theodor Kocher eine besondere Würdigung zu. Eine vom Schweizer Parlamentsgebäude ausgehende Straße im Zentrum der Landeshauptstadt Bern wurde noch zu seinen Lebzeiten auf seinen Namen in »Kocher-Gasse« umbenannt. Dieses Ereignis zeigt, dass der Chirurg Kocher weit über sein Berufsfeld hinaus bekannt und geachtet war.
 
 Wegbereiter des »goldenen Zeitalters der Chirurgie«
 
Als eine führende Persönlichkeit im »goldenen Zeitalter der modernen Chirurgie« angesehen, hat er dieses zu einem nicht geringen Teil selbst aktiv mitgestaltet. Es war entstanden, als sich mit der wirksamen Bekämpfung von Operationsschmerz und Wundinfektion sowie besserer Kontrolle der Blutung und besserer Ernährung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz neue Möglichkeiten für große operative Eingriffe eröffneten. Kocher hat denn auch nicht nur auf dem Gebiet der Schilddrüse gearbeitet, sondern ein ganzes chirurgisches »System« geschaffen.
 
Eine eigene Anschauung von experimenteller Forschung erhielt Kocher bereits während einer Bildungsreise 1865/66 als Volontär im Laboratorium Rudolf Virchows in Berlin. Auf seiner nächsten Station, London, wurde er bei Thomas Spencer-Wells mehr mit den praktischen Problemen der Ausweitung des chirurgischen Eingreifens in die Bauchhöhle, eines zuvor gemiedenen Gebiets konfrontiert, wobei Tierversuche vorangegangen waren. Dabei spielten in London Sauberkeit und viel kaltes Wasser in der vorantiseptischen Ära sowie lückenlose Operationsstatistiken bereits eine große Rolle.
 
So wurden die bei Spencer-Wells gesehenen Ovariotomien auch für Kocher zum Schlüssel für die chirurgische »Eroberung« des Bauchraums. Kochers eigene Chirurgie fußte zuerst auf der pathologischen Anatomie, ihr Ziel bestand in der Entfernung krankhaften Gewebes. Doch entwickelte sich sein Vorgehen zusehends auch zu einem physiologischen, also an den Lebensvorgängen orientierten, weiter. Erstens passte er seine Eingriffe, von der Narkose und den Hautschnitten bis zur Wundnaht, einem biologischen Experiment gleich, möglichst anatomo-physiologischen Verhältnissen an. Dabei folgte er dem Leitsatz: »Eine Operation muss für den Patienten, nicht für den Chirurgen bequem sein.« Zweitens brachte ihn die Entdeckung der Spätfolgen der totalen Entfernung der Schilddrüse, welche ihn zu seinen Arbeiten bezüglich der Physiologie und Pathologie und dadurch zum Nobelpreis führte, aber auch auf die Berücksichtigung funktioneller Gesichtspunkte in der Zielsetzung der chirurgischen Therapie. Man kann Kocher füglich als einen Pionier der »physiologischen Chirurgie« bezeichnen. Weitere Kennzeichen davon waren etwa sein Gebrauch von Infusionen mit physiologischer Kochsalzlösung seit den 1890er-Jahren aufgrund von Tierversuchen und seine Organtransplantationen.
 
 Miterfinder der Organtransplantation
 
Eine spezifische Ausprägung der »physiologischen Chirurgie« ist die Transplantation von Organen. Hier ist Kocher heute als Pionier anerkannt, indem er bereits 1883 den von ihm durch Exstirpation erzeugten Funktionsausfall der Schilddrüse bei geschädigten Patienten mit der Transplantation zu revidieren versuchte. Diese »Erfindung der Organtransplantation« zwischen 1880 und 1930 ist heute vielfach vergessen. Sie zeigt, dass sich die Organtransplantation nicht zwangsläufig aus der »Natur der Sache« ergeben hat, sondern einer historischen Entwicklung unter ganz bestimmten Bedingungen entspricht.
 
Kocher ragte ferner unter den Chirurgen seiner Generation durch seine chemischen Bemühungen zur Lösung der Rätsel der Schilddrüsenwirkung und seine klinischen Beiträge zur klinischen Neurophysiologie hervor. Er war, wenn auch keineswegs ausschließlich und ohne innere Gegensätze, Widersprüche, ja Konfusionen, ein von der nachfolgenden Generation — vor allem in Amerika — anerkannter Pionier des als Zukunftsentwicklung gesehenen Typs der modernen Chirurgie.
 
 Ethische Fragen
 
Schon die unbeabsichtigten Folgen der totalen Schilddrüsenentfernung hatten Kocher 1883 hart mit dem alten ethischen Gebot der Schadensvermeidung konfrontiert. In Bezug auf die Berechtigung chirurgischer Behandlung weiterer chronischer Krankheiten, wie etwa der Knochen- und Gelenktuberkulose, wurde diese Problematik offenbar, als nach 1900 die konservative Höhensonnen- und Klimatherapie den Vergleich mit den gängigen radikal-chirurgischen Maßnahmen forderte. Bisher waren Kocher und viele seiner Kollegen ehrlich davon überzeugt gewesen, durch theoretisch begründetes Entfernen von Krankheitsherden Krankheiten endgültig wegzuoperieren. Zeigten die für chronische Krankheiten als unerlässlich erkannten Langzeitresultate nunmehr nicht das theoretisch erwartete Ergebnis, so konnte das zwar mit dem Hinweis auf die inzwischen verbesserte Technik wegdiskutiert werden, und erfolgreiche Einzelfälle schienen immer wieder das Dogma zu bestätigen. 1915 räumte der 74-jährige Kocher aber doch ein: »Wir Chirurgen müssen bekennen, dass wir der Gefahr der Operation nicht immer genügend Rechnung getragen haben.«
 
Kocher hatte wohl nach dem auch bei verstümmelnden Krebsoperationen immer wieder vorgebrachten Argument gehandelt, solche Eingriffe stellten die letzten Rettungsversuche für den Patienten dar. Viele Privatpatienten, gerade auch aus dem Ausland, hatten das auch von ihm gewünscht. Die Bestätigung für die Berechtigung dieser Motivation hätte im Prinzip allerdings einer besseren Kenntnis des natürlichen Krankheitsverlaufs, also ohne solche radikalen ärztlichen Eingriffe, bedurft. Entsprechende vergleichende Studien standen aber nicht im Vordergrund des Interesses der damaligen Chirurgen, auch nicht von Kocher. Seine eigenen Schüler, die Sonnen- und Klimatherapeuten, berichteten aber noch weiter über mehr soziale und emotionale Aspekte, die auch die Sicht der Patienten widerspiegelten. Solche »weichen Daten« galten bald als nicht wissenschaftlich, beeindruckten Kocher aber trotzdem — und uns heute wieder.
 
Aus diesem Gegensatz entstanden für ihn moralische Konflikte, zu deren Bewältigung die überlieferten Verpflichtungen des Arztes, »dem Patienten zu nützen und nicht zu schaden«, nicht mehr ausreichten. Kocher versuchte, die ihm bewussten fachlichen und die tief empfundenen weltanschaulichen emotionalen Anfechtungen wissenschaftlich durch Förderung der Grundlagenforschung und moralisch vor allem durch Rückbezug auf den christlichen Glauben zu meistern.
 
U. Troehler

Universal-Lexikon. 2012.

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